Architekten-Blog für Südtirol

Stampfbeton – die natürlichste Form von Beton

csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__7__150aa556c3

Bei der Sanierung eines Waldfriedhofs kam Stampfbeton zum Einsatz. Stampfbeton ist eine zumeist sehr unbekannte Form des Betons. Dabei erlaugt er doch sehr interessante Oberflächen-Strukturen. Das Beton-Design ist das Bauwerk, könnte man sagen. Wir zeigen am Beispiel eines Friedhofs im oberbayrischen Landsberg, was alles geht mit Stampfbeton, der natürlichsten Form des Betons.


csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__7__150aa556c3
csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__6__96113a0b87
csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__5__c6abff7579

Ein Werkstoff aus der Natur

Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten ist das Verwaltungsgebäude und die Aussegnungshalle des Waldfriedhofs im oberbayerischen Landsberg (Lech) fertiggestellt worden. Entstanden ist ein außergewöhnlich einfühlsamer Ort der Trauer – ausgeführt mit Materialien aus der Natur und eingebettet mitten in die Natur. Bei der Realisierung der anspruchsvollen Planung von Kehrbaum Architekten (München) spielte vor allem Stampfbeton eine zentrale Rolle.

csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__1__4ca379325c
csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__2__3e13a82646

Der 1963 entstandene Komplex aus Verwaltungsgebäude und Aussegnungshalle des Waldfriedhofs entsprach mit seiner kalten und eher rationalen Atmosphäre nicht mehr dem heutigen Verständnis an eine angemessene Trauermöglichkeit für Angehörige von Verstorbenen. Auch aus baulicher Sicht konnten die Gebäude die Anforderungen nicht mehr erfüllen – insbesondere im Bereich der Energieeffizienz.

Die Stadt Landsberg entschied sich deshalb für eine Generalsanierung. Kernanspruch: Den Trauernden sollte es beim Tod eines ihnen nahe stehenden Menschen möglich sein, würdig und ganz persönlich Abschied nehmen zu können.

Natur und Licht stehen im Zentrum

Zentrales Motiv bei der Sanierung war die Verbindung von Gebäude und Natur. Die Natur sollte gerade in der zuvor eher abgeschotteten Aussegnungshalle immer gegenwärtig sein und gemeinsam mit der gezielten Verwendung von Licht als Verbindung und Stütze zugleich wirken. So wurde die große Halle als Ort der Stille und des Gedenkens komplett neu gestaltet und der bislang eher dunkle Kirchenraum hat nun einen neuen, ruhigen Ausdruck.

Der zuvor geschlossene Raum wurde vorn und hinten geöffnet. An der Stirnseite ist eine aufgelöste Stelenwand angeordnet, durch die man in das Innere gelangen kann. Darüber hinaus wurde die große Giebelwand in der Aussegnungshalle aufgebrochen und mit großen Verglasungen ausgestattet. Innerhalb der Halle wurden mehrere unterschiedlich große und in verschiedenen Ausrichtungen angeordnete Lichthöfe angelegt. Durch diese kommt teils Streiflicht von außen bis tief ins Innere des Gebäudes – was tagsüber eine ausschließlich natürliche Beleuchtung ermöglicht. Aufbahrungen werden durch Raumteiler vor Blicken geschützt und die Raumstruktur wurde an heutige Bedürfnisse angepasst.

Klaus Kehrbaum, der Architekt, erläutert: „Wir wollten erreichen, dass sich die typischen Funktionsabläufe nicht wie vormals mit den Wegen der Trauernden überschneiden. Der lange Gang von der Aufbahrung über die Verabschiedung bis hin zum Grab wird daher fließend definiert. Die Trauernden und Verstorbenen stehen im Mittelpunkt dieses Ablaufes. Durch die neue Struktur gibt es zum Beispiel auch die Möglichkeit, den Verstorbenen sowohl durch eine Glaswand zu sehen als auch ganz nah am offenen Sarg Abschied zu nehmen.“

csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__3__7494289647

Stampfbeton der idealer Baustoff

Entscheidend bei der Umsetzung der architektonischen Zieles „Naturnähe“ war die Materialauswahl – alle für die Sanierung der Waldfriedhof-Gebäude gewählten Baustoffe fügen sich harmonisch in die Umgebung mit benachbartem Wald und freier Natur ein. An den Wänden im Eingangsportal, den Sitzstufen sowie den Einfassungen des Vorplatzes und im gesamten Verabschiedungsbereich der vormalig mit Sichtmauerwerk verkleideten Aussegnungshalle kommt neben hochwertigem, gespaltenem Eichenholz als zentraler Baustoff Stampfbeton zum Einsatz.

Natürlichkeit und Wärme

Klaus Kehrbaum: „Die Natürlichkeit und Wärme des Materials waren entscheidend für die Wahl von Beton. Die besondere Ausführung als Stampfbeton passt sehr gut zum architektonischen Gesamtkonzept und symbolisiert die Naturnähe.“

Dipl.-Ing. Martin Peck von der Beton Marketing Süd GmbH in München, der das Projekt beratend begleitet hat, ergänzt: „Stampfbeton zeigt das Material und das Handwerk seiner Verarbeitung in einzigartiger Deutlichkeit. Die Ablesbarkeit der einzelnen Schichten lässt den traditionellen Einbau erkennen und bietet einen besonderen ästhetischen Rahmen für die Widmung des Gebäudes in seiner Lage. Konstruktiv handelt es sich um unbewehrte Wandbauteile, die ausschließlich auf vertikalen Druck beansprucht werden. Die Herstellung und der Einbau solcher Betone verlangen Erprobung, Sorgfalt und ein wenig handwerkliches Herzblut.“

csm_Waldfriedhof_Stampfbeton__4__66db34b62f
csm_Waldfriedhof_Stampfbeton_42cd45b133
alle Fotos: Dagmar Flex

Stampfbeton – nur der Versuch macht wirklich klug

Nach zahlreichen Tests entschied man sich für eine sehr grobe Körnung (bis 32 mm Korndurchmesser), um die Natürlichkeit zu unterstreichen und den Effekt einer rauen Oberfläche zu erreichen. Eingebaut wurde der Beton jeweils in 30 cm hohen Schichten, um ein genügend dichtes Gefüge zu erreichen. Wichtig war dabei, dass der Beton – im Vergleich zu üblichen Betonen im Hochbau – nur in erdfeuchter Konsistenz und damit unüblich wasserarm eingebaut wurde. Die jeweils zuletzt aufgetragene Einbaulage wurde innerhalb der Schalung solange durch manuelles Stampfen verdichtet, bis sich unter den Stampfern eine geschlossene Oberfläche gebildet hatte, auf der ein Feuchtefilm erkennbar war. Nach dem Erhärten wurde vor dem Aufbringen der nächsten Schicht die vorhandene Schicht aufgeraut, gereinigt und befeuchtet, um den erforderlichen Lagenverbund zu gewährleisten. Nach diesem Verfahren konnten jeweils 2-3 Betonschichten pro Tag realisiert werden. Der Tagesfortschritt ist somit quasi an den Wänden zu erkennen – ein Grund auch dafür, warum die Lagenfugen mit Stampfbeton im traditionellen Vokabular des Bauens auch „Tagwerksfugen“ genannt werden.

Klaus Kehrbaum: „Um eine Top-Qualität und eine einheitliche Handschrift zu gewährleisten, ist eine gewisse Präzision erforderlich. Es muss auf die Homogenität der jeweiligen Schicht und ihre Geschlossenheit geachtet werden, da sich sonst an den Außenflächen stark haufwerksporige Bereiche mit zu geringer Gefügefestigkeit bilden können, die sich später nur sehr aufwendig instand setzen lassen. Wir haben daher für alle Stampfbeton-Arbeiten dasselbe Team eingesetzt. Der Beton wurde aus dem Schlauch des Betonkübels immer aus der gleichen Fallhöhe eingebracht, um eine einheitliche Vorverdichtung zu erreichen.“

Die akribische Arbeit hat sich gelohnt. Der Waldfriedhof Landsberg bietet heute nicht nur den Trauernden einen geeigneten Rahmen zur Verabschiedung ihrer Verstorbenen, sondern ist auch in architektonischer Hinsicht ein ganz besonderes Highlight.

Mehr über Stampfbeton auf Wikipedia >>

Projekt

Objekt: Waldfriedhof Landsberg
Bauherr: Stadt Landsberg (Lech)
Architekt: Kehrbaum Architekten (München)
Bauunternehmen: Ditsch-Bau GmbH&Co.KG (Prittriching)
Ausführungsberatung: Beton Marketing Süd GmbH (München)
Fertigstellung: 2011

Sagen Sie uns Ihre Meinung

*